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Revolutionskatzenmusik

Am Wiener Volkstheater ist in der Spielzeit 2017/18 Felix Hafners Inszenierung von Nestroys 1849 entstandener Nachrevolutionsposse „Höllenangst“ zu sehen. Wie aktuell die Themen auch heute noch sind, macht ein genauerer Blick auf die Ereignisse der österreichischen Revolution von 1848 und ihres Scheiterns deutlich.
Von Angela Heide

„Wie erbärmlich es mit unsren errungenen Freiheiten aussieht. Kaum sind sechs Monate seit dem Beginn unserer Revolution vorüber, und [...] nach und nach verschwindet auch der letzte Schatten der so hochgerühmten Errungenschaften. [...] Im März waren die Studenten [...] doch nur durch Soldaten bedroht, jetzt haben sie um einen großen Feind mehr, nämlich die schwarzgelben Garden gewisser Bezirke! [...] Jetzt machen sich viele Garden ein Vergnügen daraus, ihre eigenen Brüder zu erschießen. Früher waren die Bürger unter sich einig, jetzt hasst ein Bezirk den andern und möchten einander ums Leben bringen. [...] Früher konnte man wenigstens ruhig schlafen, jetzt wird wegen nichts und wieder nichts die ganze Nacht Alarm getrommelt.“
Fliegende Blätter, 19. September 1848


Keine Angst vor Revolutionen

Revolutionen kann man nicht planen. Sie geschehen. Einfach. Nein, nicht einfach, sondern in komplexen gesellschaftlichen Systemen, in denen für einen historischen Moment Regeln des Systems aufgebrochen werden. Für einen Moment Allianzen gefunden werden, wo sie bis dahin undenkbar waren. Für einen Moment der Geschichte finden Gruppen und Gruppierungen zusammen, denen bis dahin wenig gemeinsam schien, in Wien 1848 etwa die Studenten mit dem Kleinbürgertum und dem (er)wachsenden und erwachenden Proletariat, mit den Frauen – und davon sind viele auf den Straßen und auf den Barrikaden –, und mit Teilen der Presse und intellektueller Kreise, der Kunst, der Literatur und des Theaters.

Revolutionen sind Ereignisse, die erhofft, ersehnt und erahnt werden. Und dennoch unvorhersehbar sind. Weder gibt es einen „richtigen Augenblick“, noch ist je die Zeit „reif“. Revolutionen sind gerade deshalb häufig dem Erhabenen zugeordnet; sie treffen eine Gesellschaft scheinbar unvorbereitet, momenthaft und, jede für sich, singulär – und doch haben sie, ob französische, russische, ägyptische oder wienerische, etwas, das bleibt. Für eine konkrete Gesellschaft, für eine historische Perspektive, für einen globalen Diskurs über die Kraft und Notwendigkeit von Veränderungen.

Revolutionen sind nicht „legitim“, auch wenn man ihnen, wie es dem Erhabenen immanent sein mag, stets mit Bewunderung und Schauer, Faszination und dieser eigenartigen Form der überwältigen Toleranz begegnet. Eben weil sie über eine Zeit, ein System, eine Gesellschaft hereinbrechen und diese auf fundamentale Weise ins Wanken bringen. Vor allem bringen sie zusammen, was sonst nicht zusammenfindet. Aus den anderen wird für einen Moment nicht unbedingt ein „Wir" im Sinne einer uniformen, homogenen Gruppe, das sind reale Revolutionäre nie, sondern eben so etwas wie ein monströser, vielköpfiger, unförmiger und ungeformter Körper, der seine neuen Ränder erst wieder zu definieren lernen muss.

Die Revolution autorisiert sich durch nichts als sich selbst („la revolution ne s’autorise que d’elle même“), schreibt Slavoj Žižek in seinem gleichnamigen Essay. [1] Es gibt keine Garantie, auch wenn man noch so verzweifelt danach sucht, weder eine für die Dauerhaftigkeit (des Moments?, der Veränderungen?) noch für das Versagen. Žižek verweist in seinem Band Willkommen in interessanten Zeiten! auf die Schriften Lenins aus dem Jahr 1917, in denen dieser den „schärfsten Spott für jene bereithält, die sich auf eine endlose Suche nach einer Art ‚Garantie‘ für die Revolution begeben“ [2]. Und doch soll es Lenin gewesen sein, der Trotzki kurz vor der Oktoberrevolution gefragt habe: „Was wird passieren, wenn wir versagen?“ Und Trotzki antwortet: „Und was passiert, wenn wir Erfolg haben?“

Vor der Revolution kann man im Grunde gar keine Angst haben, denn sie passiert nie, wenn man sie erwartet, und sie überrollt eine Gesellschaft genau dann, wenn es keiner (mehr) glaubt. Das macht sie so temporär, menschlich, unteuflisch, denn der hält bekanntlich den Kontrakt.


„Alles ist provisorisch“

Auch im Österreich des Jahres 1848 verbinden sich für einige Wochen die unterschiedlichsten Interessen. Studenten, Kleinbürger, Bauern, Frauen und die noch junge städtische Arbeiterschaft bauen miteinander Barrikaden. Ein ungewöhnlicher Anblick. Selbst für jene, die bereits Monate zuvor von einem Umbruch geschrieben, die im Versteckten oder ganz offensichtlich von einem kommenden Systemwechsel gesprochen hatten. So fanden sich Maueranschläge, in denen bereits der Sturz Metternichs angekündigt wurde, während sich in den Vorstädten das großteils noch unorganisierte „Proletariat" der kontinuierlich wachsenden Vorstadtfabriken zusammenfand – vorerst oft noch, um die gemeinsame Armensuppe zu fordern, bald schon, um sich gegen die Regierung Kaiser Ferdinand I. und vor allem gegen den eigentlichen Entscheidungsträger, Staatskanzler Fürst Metternich [3], aufzulehnen.
Gemeinsam fordert man im März 1848 eine neue Verfassung, ein Pressegesetz, das Aufheben der Zensur, die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, u. a. durch die Abschaffung der zahlreichen Belastungen für die Bauern und „Kleinhäusler“, die Veröffentlichung und damit Transparentmachung des Staatshaushaltes und einen Landtag, d. h. eine Regierung, in der alle Länder und Stände vertreten sind. Als sich der Kaiser ziert, kommt es zu den ersten Zusammenstößen.
Als am Abend des 15. März eine Kundmachung des niederösterreichischen Regierungspräsidiums in der Stadt verteilt wird, die vom Rücktritt Metternichs berichtet, ist „die ganze Stadt wie durch einen Zauberschlag glänzend erleuchtet“ [4]. Illuminiert. Bürgergarde und Studenten ziehen gemeinsam durch die Straßen, um den ersten wichtigen gemeinsamen Schritt zu feiern.
Doch schon rasch, spätestens mit dem Beginn der schweren Plünderungen, vor allem in den Wiener Vorstädten, und der einsetzenden Angst vieler, dass der Kampf für republikanische Rechte mit dem Verlust des eigenen Besitzes einhergeht, beginnen sich die Allianzen wieder zu lösen. Während für die einen das, was erreicht wurde, von nun an nur noch verteidigt werden muss, ist es für die anderen bei Weitem noch nicht genug. Nach den gemeinsamen Revolutionsliedern kommen die Katzenmusiken. Lautstark ziehen sie durch Wien. Und bringen im Mai einen neuen Höhepunkt – ein neues Wahlgesetz, die Aussicht auf eine neue Konstitution, eine Kammer ohne Zensus. Am 17. Mai dann der geheime Aufbruch des Kaisers aus der Stadt, gefolgt von der Bildung eine provisorischen Regierung Ende des Monats, die sich aus einem „Comité aus Bürgern, Nationalgardisten und Mitgliedern der akademischen Legion, je drei aus jedem Corps, durch Wahl zusammensetzte“. [5] „Das Volk von Wien steht auf dem Boden der Revolution“, schreibt ein Beobachter [6], und selbst dass die Regierung nur eine provisorische ist, wird gefeiert: „Man gewöhnt nach und nach diese Provisorien [...] alles ist provisorisch.“ [7]

Doch zu diesem Zeitpunkt ist die Zeit der Allianzen, auch wenn sie in der provisorischen Regierung noch ihr konstitutionelles Abbild finden mag, auf den Straßen schon wieder vorbei. Noch sehen die „Radikalen die Aussichten auf eine demokratische Monarchie, gegebenenfalls sogar eine Republik, so günstig wie nie“; doch „die Gemäßigten [wechseln] allmählich auf die ‚schwarzgelbe‘ Regierungsseite über“ [8]. Die Konservativen wettern gegen die „Anarchisten“, und die Arbeiter*innen setzen die begonnenen Demonstrationen für ihre Rechte umso vehementer fort – und werden nun von den Studenten „von ferneren Gewaltschritten abgehalten“ [9], die wiederum ihren eigenen, am Ende blutig verlorenen Kampf beginnen. „Noch immer werden die Studenten scharenweise zusammengefangen und sah jemand einen Trupp von vierzig armen Jungen von der rohen Soldateska fortführen“, notiert der Wiener Journalist Benjamin Kewall am 4. November 1848. Fast an jedem dieser Herbsttage zwischen Feuer und Regen wird in Wien von deren und vieler mehr Tod gesprochen. „Ganze Haufen von Studenten will man zum Tode geführt haben; [...] Menschen werden erschossen, die niemand kennt und niemand will, und erst die Angehörigen werden den Verlust merken und beweinen.“ [10]

Man hat einiges erreicht. Mehr braucht es nicht. Die Wiener sind keine Don Quichottes. Und so wird schon im Juni der Ruf nach der Rückkehr des Kaisers lauter, während man in Wien die Ernennung Erzherzog Johanns zum Reichsverweser mit einem „großartigen, brillanten und schön geordneten“ Fackelzug feiert. Wo noch vor Kurzem Barrikaden für die Rechte aller Bürger*nnen errichtet worden waren, feiert man nun ein „herrliches imposantes Fest in unserer Stadt“ mit über 10.000 Wachsfackeln, die sich, begleitet von „drei Musikbanden“, von der Universität über den Stephansplatz und Graben Richtung Hofburg bewegen, um der neuen Integrationsfigur ihre „Huldigung darzubringen. In allen Straßen waren Gerüste für die Zuschauer angebracht, herrlich und prachtvoll war die ganze Stadt illuminiert.“ [11]
Und während die Gerüchte blühen, dass der Kaiser bald abdanken wird, wird auch schon klar, dass er dies nicht ohne Nachfolge tun wird: Erzherzog Franz Josef, gerade einmal 18, wird auf die Thronfolge vorbereitet, während in Wien die patriotisch-nationalen Töne schon längst wieder die Katzenmusiken abgelöst haben.

Der „alte Windischgrätz“ [12], Graf Auersperg [13] und Graf Jellacic [14] stehen mit ihren Truppen vor der Stadt und nehmen diese von Norden und Süden über die Vorstadt und die äußeren Linien [15] in den kommenden Wochen ein. Belagerung, Barrikaden, Bürgerkrieg, Blut. Spätestens ab diesem Moment ist die noch im März gemeinsam für gesellschaftliche, soziale und politische Veränderungen angetretene Bevölkerung gespalten. „Wachsende Unruhe, Neigung zu neuerlichen revolutionären Erhebungen auf der einen Seite, der Wunsch, die Ruhe, wenn es sein muss, auch mit militärischen Mitteln, aufrechtzuerhalten, auf der andern.“ [16]


Bürger gegen Bürger

Wenn Wien in diesen Herbsttagen des Jahres 1848 bedrohlich wirkt, dann, weil sich ein Konflikt innerhalb der Bevölkerung auftut, dessen Dimension niemand vorhersehen konnte. Man spricht von Bürgerkrieg, wie man es spätestens 1934 wieder tun wird, und dann, im Oktober, bricht das Unvorstellbare aus, kommt es zum „fürchterlichsten und blutigsten“ Tag des Revolutionsjahres. „Bürger standen gegen Bürger.“ [17] Die bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen nützen die kaisertreuen Truppen - Kaiser Ferdinand ist derweilen erneut aus Wien geflüchtet, um die Stadt im Laufe der kommenden Tage strategisch immer mehr einkesseln und schließlich von mehreren Seiten her einnehmen zu lassen. Am 30. Oktober geben die meisten auf. „Trotz eines geradezu verzweifelten Abwehrkampfes konnte das belagerte Wien im Oktober dem Druck der kaiserlichen Truppen nicht standhalten. Die Kämpfe – und damit auch die Wiener Revolution - enden am 31. Oktober mit der Einnahme der Innenstadt.“ [18]

Am 11. November wird die Zensur wieder eingeführt. Am 2. Dezember übernimmt Kaiser Franz Joseph die Regierung. Mit ihm die Windischgrätze, Weldens [19], Metterniche. Die Beamten und die „Schwarzgelben“. Die von Nestroy in Freiheit in Krähwinkel beschriebene Reaktion hatte gesiegt, die Wiener*innen huldigten, nach nur wenigen Monaten der „Revolution“, nun den 18-jährigen Kaiser, der umgehend wieder Zentralismus und Absolutismus einführte und dieses Mal wesentlich umfassender auf die Monarchie ausdehnte. „Eines der denkwürdigsten Jahre der modernen Geschichte wird in wenigen Stunde zu Grabe getragen und nach den großen Opfern an den köstlichsten Gütern des Lebens müssen wir uns trostlos gestehen, dass wir nur einen schönen süße Traum geträumt und in der Tat keines der heiß ersehnten, so enthusiastisch begrüßten Güter besitzen“, ist das ernüchternde Fazit des Wiener Journalisten und Revolutionschronisten Benjamin Kewall. [20]
Der Zopf der alten Zeit ist so ab wie die jungen Bärte der geschändeten Studenten. Das „Volk“ gespalten.


Das Jahr danach

Das Jahr 1849 war kein gutes für Johann Nestroy. Nach dem großen Erfolg seiner „Revolutionsposse“ Freiheit in Krähwinkel im Sommer 1848 entstehen im Jahr nach der Niederschlagung der Revolution vier Stücke – von denen eines gar nicht zur Uraufführung kommt und zu Lebzeiten Nestroys auch nicht mehr gespielt werden wird, eines unter Pseudonym herausgebracht wird und die beiden weiteren, von denen das letzte im Jahr Höllenangst ist, bei Weitem nicht den erhofften Erfolg bei Presse wie Publikum bringen. Für manche zu kritisch, für manche zu reaktionär, für andere zu banal und flach rechnet Nestroy mit dem Scheitern der Revolution aus dem Verschulden aller Beteiligten ab; zu persönlich sind die Stücke und daher für viele zu düster und dem volksnahen Erfolgsautor nicht gebührlich. Für die meisten der damaligen Kritiker ist Nestroy vom revolutionsnahen Humoristen zum konservativen, ja reaktionären Dramatiker geworden, „eine der Wetterfahnen, die nach den politischen Winden ihre Richtung nehmen“, heißt es etwa in den durchwegs ablehnenden Besprechungen des ersten der aufgeführten Stückes des Jahres 1849, Lady und Schneider, das am 6. Februar Premiere hat und für das Nestroy ursprünglich den Titel Der Mann an der Spitze vorgesehen hatte.

Doch man kann die Komödien des dunklen Jahres nach den Monaten der Barrikaden, Bündnisse und republikanischen Aufwinde auch als historischen Abgesang eines gescheiterten demokratischen Versuches lesen, an dem mehr als nur eine „Partei“, ja für einen historischen Moment eine unmögliche (und kaum je wieder errungene) Allianz (2017 spreche so manche auch von "Bewegung") aus kleinbürgerlichen, frühen proletarischen und intellektuellen, vor allem studentischen Bewegungen entstanden war, um für gemeinsame bürgerliche und gesellschaftliche Rechte anzugehen. Doch, schreibt Nestroy in der Rückschau, die Wiener Revolution von 1848 war eben noch ein Zwerg, kein Riese, noch unerfahren und inkonsequent, die einzelnen Gruppierungen zu sehr mit den je eigenen Problemen und Forderungen beschäftigt – hatte man sein Ziel erreicht, wurde auch schon abgelassen vom gemeinsamen Kampf, und man lehnte sich, ganz österreichisch, zurück, um den kleinen Erfolg in den Wirtshäusern und Unterhaltungsetablissements gebührend zu begießen.

Betrachtet man die Stücke einmal anders, eröffnen sie eine weitaus andere Lesart, als es die zeitgenössische Kritik (und mit ihr die ihr folgende Rezeptionsgeschichte) dem Autor vorwarfen: keinen Befürworter des neokonservativen kaiserlichen Regimes unter dem blutjungen und unerfahrenen, doch von den alten Garden nicht nur mit Waffen gut geschützten Franz Josef, auch kein Lob der „Bajonette und Kanonen“ der die Stadt nun kontrollierenden Soldaten, wie es ein Kritiker anlässlich der Premiere von Lady und Schneider schreibt, sondern ein überaus (selbst-)kritisches Bild einer kleinbürgerlich verängstigten Gesellschaft, die so schnell, wie sie die Jägerzeile, die Herrengasse oder die Rotenturmstraße mit ihren Forderungen verbarrikadiert hatten, auch schon wieder in ihren Häusern und Wirtshäusern verschwunden waren und wieder, wieder einmal, „umg’sattelt“ hatte.

Am 13. März 1849 hat Nestroys Hebbel-Parodie Judith und Holofernes am Carltheater Premiere – nur wenige Tage nach Hebbels eigener Burgtheater-Vorstellung. Nestroy „übt auf der Bühne Literaturkritik, und Hebbel ist ihm ein gleichwertiger Gegner“ [21], der zu diesem Zeitpunkt auch selbst in Wien lebt und Nestroy wohl dazu bringt, sei er aus Angst, die ihm ein Leben lang in den Knochen steckt, sei es aus wohlwissender eigener Vorzensur, das Stück unter anderem Namen herauszubringen. Doch auch dieses ist mehr als nur literarische Parodie: Holofernes ist eben jener von der Geschichte emporgeschwemmte spießbürgerliche [22] Karrierist, als der sich der Schneider Heugeig'n in Lady und Schneider selbst suggeriert und der Thurming schließlich in Höllenangst ohne jegliches (im Stück sichtbare) Zutun durch den nächtlichen Machtwechsel wird: „Ich kann heut’ Nacht noch der Mann des Tages werden.“ „Wenn Heugeig'n davon träumt, der zu sein, ‚von dem’s abhängt, ob Europa eine pennsylvanische Provinz oder ob Nordamerika eine Vorstadt von Frankfurt werden soll‘, so steigert Nestroys Holofernes seinen Machtrausch vom Lächerlichen ins Unheimliche: ‚Ich möcht‘, dass die ganze Menschheit aufg’hängt wär‘, um dann der einzige zu sein, der die Welt als wie einen Hund mit Füßen tritt. Ich bin ein großartiger Kerl!‘“

Auch im dritten Stück dieses Jahres, Der alte Mann mit der jungen Frau, thematisiert Nestroy auf nahezu tragikomische Weise das Scheitern der gesellschaftlichen wie der persönlichen Revolutionen. Den alten Mann, den er selbst gespielt hätte, wäre das Stück je zu Lebzeiten zur Aufführung gekommen, liebt eine junge Frau. Das allein war schon (zumindest in den Augen des alternden, wie so oft frisch verliebten Autors) revolutionär – und daher unmöglich. Doch mehr noch, rettet der Ziegeleibesitzer einen jungen Beamten, der sich der Revolution angeschlossen hatte, und lädt ihn am Ende sogar zur gemeinsamen Zukunft im fernen Australien. Anders als Wendelin oder Pfrim im Folgestück, verbohrt sich der sechzigjährige „alte“ Mann nicht gegen die Ideen des jungen Idealisten. Doch liegt für beide – den unglücklich Liebenden wie den verfolgten Revolutionär – die Zukunft nicht mehr in Europa. „Wer kann bei der jetzigen Krisis in Europa sagen: ‚Ich war nicht dabei.‘ - Die Revolution war in der Luft, jeder hat sie eingeatmet, und folglich, was er ausg’haucht hat, war wieder Revolution.“ [23]

Es ist eine seiner wohl deutlichsten Bilanzen der Revolution, wenn er in diesem Stück seinen Protagonisten, den Ziegelfabrikanten Kern, sagen lässt: „Nach Revolutionen kann’s kein ganz richtiges Strafausmaß geben. Dem Gesetz zufolge verdienen so viele Hunderttausende den Tod – natürlich, das geht nicht; also wird halt einer auf lebenslänglich erschossen, der andere auf fünfzehn Jahr eing'sperrt, der auf sechs Wochen, noch ein anderer kriegt a Medaille – und im Grund haben s' alle das nämliche getan.“

Dreimalhunderttausend Wiener*innen – in einem seiner Vorentwürfe zum Stück nennt Nestroy tatsächlich die genaue Zahl – waren es also, die sich 1848 einem am Ende bürgerkriegsähnlichen Kampf um neue Rechte und ungekannte Freiheiten, Sicherung des Erreichten und Wahrung der je eigenen Werte zusammengeschlossen hatten, an dessen Ende doch wieder die (klein-)bürgerliche, kaisertreue Macht den Sieg davontragen sollte.


Freiheitsträume

Am 17. November 1849 hat Höllenangst Premiere, eine vor allem in historischer Hinsicht adaptierte Bearbeitung Nestroys der 1831 in Folge der Julirevolution von den beiden französischen Autoren d'Epagny und Dupin herausgebrachten Komödie Dominique ou le Possédé, die Joseph Kupelwieser bereits 1833 unter dem Titel Peregrins Wahn und Leiden oder Der Besessene am Josefstädter Theater als Lustspiel nach Wien gebracht hatte und in der die Ereignisse ohne den deutlichen historisch-gesellschaftlichen Kontext stattfinden, den sie nun bei Nestroy finden werden. Die Uraufführung wird zugleich als Benefizvorstellung Nestroys am Carltheater auf der heutigen Praterstraße, der damaligen Jägerzeile, gegeben, auf der noch am 30. April des Vorjahres Direktor Carl Carl mit einer Reihe verkleideter Schauspieler seiner Truppe, darunter Nestroy und Scholz, zu „Reklamezwecken“ seines im Herbst zuvor eröffneten neuen Theaters „patrouilliert“ hatten. Noch ist Revolution.

Nun sind die bürgerlichen Patrouillen der „österreichischen Soldateska“, wie sie Friedrich Engels nennt, gewichen, die das besetzte Wien im Namen des Kaisers in seine kakanisch-obrigkeitstreuen Schranken weisen. Die Aufnahme durch die damalige Presse ist eine Katastrophe – „ist man der politischen Anspielungen überdrüssig, überhört man sie, will man sie nicht hören?“, fragt ein Biograf 120 Jahre später. Man will wohl ein knappes Jahr nach der Krönung Erzherzog Franz Joseph Karls von Österreich zum österreichischen Kaiser nichts mehr von irdischen und himmlischen Verfehlungen hören, nichts von verlorenen Herrngassen [24], Wankelmütigen und Gutgesinnten [25], nichts von zerstörten Freiheitsträumen und verleugneten Idealen.
„Gleichsam mit einer sanften Gebärde der Verachtung hat das Volk die Zumutung von sich abgestreift, in das alte abgeworfene Gehäuse wieder zurückzukehren und jeden menschheitlichen Beruf in die Begeisterung für ein Couplet aufgehen zu lassen. Das Volk hat einmal vom Baum der Erkenntnis gegessen, und welche Mittel man auch anwende, ob die energischen Pillen in der Größe von Kugeln und Bomben, ob die hässlich ekelhafte Mixtur abgestandener Lustigkeit, es wird das Genossene nicht von sich geben, um sich fürder mit sanfter Kindermilch ernähren zu lassen. [...] Oder sollte es in der Tat noch Exemplare von jener Gattung von Menschen geben, die mit dem Vormärz völlig identisch geworden sind und mit allem, was noch davon sichtbar wird, in einer so ungestörten Harmonie und hingegebensten Eintracht leben wie die Reichszeitung mit dem Belagerungszustand“, schreibt die Presse etwa anlässlich ihrer herben Abfuhr der Uraufführung von Nestroys Höllenangst. [26] Man versteht den Autor nicht mehr. Er parodiert in den Augen vieler den Revolutionär und macht den Proletarier am Ende zum Beamten, für den vom erfolgsverwöhnten „Jung-Führer“ gesorgt werden wird.

Man kann nicht umhin, beim dynamischen, gut vernetzten neuen Staatsführer und Oberrichter Thurming an den jungen Kaiser zu denken, der seine Krönung den Wirren der Zeit mehr als den eigenen politischen Meriten verdankt. Und der politischen Schwäche seines Onkels Ferdinand I., der 1848 gleich zweimal aus Wien geflohen war. Man kennt es ja: alte Werte im jugendlichen Gesicht. Political facelift. Und die Stadt im Belagerungszustand. Die Studenten werden exekutiert, die Bevölkerung von randalierenden Soldatengruppen ausgeraubt, und den Proletariern am Ende alle Schuld gegeben.

Auch wenn der namenlose Minister des Stückes, mit dessen Tod auch die Posse ihr Ende findet und die Stadt hell „illuminiert“ die Ernennung des neuen jugendlichen Machthabers feiern mag – die Realität erzählt etwas anderes, und der fast 80-jährige Metternich kehrt nach seiner Flucht 1848 nach London 1851 nach Österreich zurück und wird bis zu seinem Tod politischer Berater Kaiser Franz Josefs. Statt frischem demokratischen Wind kehren die geübten Berater, die immer schon hinter dem Neuaufstieg der alten Werte standen, wenn schon nicht viel geliebt, so doch mit großem Einfluss an ihre Wirkstätten zurück und prägen das Bild Österreichs für Jahrzehnte. Ja, bist heute.

Nicht weniger typisch als der Jungpolitiker Thurming sind in Nestroys Höllenangst auch der um keine Ausrede und keine die eigene Haut rettende Erklärung, jedoch an Kund*innen arme Kleingewerbetreibende Pfrim, nichts weniger als ein früher „Herr Karl“, und dessen Sohn, der arbeitslose, weil idealistische Arbeiter und ob seiner kritischen politischen Haltung in seiner Existenz gefährdete und daher schon von „Natur“ aus revolutionäre Idealist Wendelin. Letzterer mag von allen Nestroyfiguren – der Autor selbst hatte, wie die verschiedenen Stadien der Rollenentwicklung deutlich machen, vorerst mit dem Gedanken gespielt, die Rolle des Pfrim zu übernehmen, entschloss sich jedoch schließlich dafür, den Proletarier Wendelin an der Seite seines langjährigen Partners Wenzel Scholz in der Rolle des Vaters zu geben – die vielleicht ambivalenteste und gebrochenste sein. Ein mit Gesellschaft, Politik, Religion und Liebe hadernder Arbeiter, dem die Existenzberechtigung nicht nur auf finanzieller Ebene genommen wurde und der aufgegeben hat – das Scheitern der Revolution 1848 im Rücken (auch wenn dies im Stück an keiner Stelle deutlich formuliert wird) –, gegen die weltlichen Mächte aufzubegehren und auch dem Himmel gegenüber, der Schicksalsmacht, die so oft ihre deutliche Zuneigung zu den Reichen und Wohlbehüteten bewiesen hat, nichts mehr als unendliche Skepsis entgegenzubringen vermag: „Ich lass’ mir’s nicht nehmen, der Himmel hat seine Herrngassen, für die aber nie ein März anbrechen wird. Da droben ist kein Fortschritt zu hoffen, denn der Fortschritt is eine gerade Linie, die Himmlischen gehen alle um und um als wie ein Ringelspiel, damit nur alles wieder auf’n alten Punkt z’rückkommen muss.“ Doch wie so oft, wenn der Hader und der Frust auf die bestehenden Verhältnisse, denen man sich als Einzelner weder entziehen noch mit ihnen leben kann, in Wut und Empörung kulminieren und in der Anrufung einer rettenden Macht, die sich den himmlischen Mächten mit satanischer Verve entgegenstellt und, das vor allem, endlich hält, was sie verspricht, wird aus der Reflexion Blindheit und aus dem Abwägen der Verhältnisse Fanatismus. Denn wenn der Teufel (ob der himmlische oder die weltlichen) eines verspricht, dann ist es, den Kontrakt zu halten. Ob der junge Richter Thurming, der neue Machthaber, der, ohne es in aller Konsequenz selbst zu wissen, die teuflischen Fäden so fest angezogen hat wie sein Diener Ignaz die Ketten, in die er den einst revolutionären Idealisten Wendelin gelegt hat, all seine Versprechen halten wird – Eheglück, Arbeitssegen und Sicherheit – lässt Nestroy offen. Ob die Stadt feiert oder brennt, oder beides, ebenso.


Für den Moment

Nein, ein „Wir“ muss es nicht immer sein, nicht in den Forderungen, die so unterschiedlich sein dürfen wie jene, die dafür auch einmal auf die Barrikaden steigen. Doch mit dem „die anderen“ klappt es eben auch nicht. Vielleicht ist der schönste Moment der Revolution also das wenn auch für einen historischen Moment nur lebbare Gemeinsame - bei allen Verschiedenheiten.



Fußnoten

1 Vgl. www.lacan.com/essays/?page_id=437 sowie http://zizek.uk/a-revolution-ne-sautorise-que-delle-meme.
2 Slavoj Žižek: Willkommen in interessanten Zeiten. Hamburg 2011, S. 64.
3 Es ist also kein Zufall, dass Johann Nestroy in seiner 1849 erschienen Höllenangst von Kanzlern, Ministern und Fürsten spricht.
4 Wiener Zeitung, 15.3.1848.
5 Wiener Sonntagsblätter, 28.5.1848.
6 Der Freimüthige, 30.5.1848.
7 Ebd.
8 Peter Kurth, Birgitt Morgenbrod: Wien 1848 und die Erinnerung an die Französische Revolution von 1789. In: Irmtraud Götz von Olenhusen (Hg.): 1848/49 in Europa und der Mythos der Französischen Revolution. Göttingen 1998, S. 114-133, hier S. 119.
9 Wiener Zeitschrift, 6.6.1848.
10 Wolfgang Gasser: Erlebte Revolution 1848/49. Das Wiener Tagebuch des jüdischen Journalisten Benjamin Kewall. Wien et al. 2010, S. 165-303, hier S. 245f.
11 Die Laterne, 7.7.1848.
12 Kewall, S. 202.
13 Maximilian Graf Auersperg (1771-1850), Ritter des Maria-Theresien-Ordens, General der Kavallerie und Inhaber des k. k. Kürassier-Regiments Nummer 5, war 1848 Kommandant der Wiener Garnison, die sich am 17. Oktober mit den gegen Wien anrückenden Truppen von Jelacic vereinigte.
14 Joseph Jelacic von Bužim, 1801-1859; kroatischer Feldherr, k. k. Feldzeugmeister und Kommandeur des Maria Theresien-Ordens, befehligte während der Revolution zusammen mit Alfred I. Fürst zu Windisch-Graetz die Niederschlagung des Wiener Oktoberaufstands. Jelacic gilt noch heute in Kroatien als Nationalheld.
15 Kewall, S. 205.
16 Kewall, S. 238.
17 Die Presse, 7.10.1848.
18 Kurth/Morgenbrod a.a.O., S. 119.
19 Ludwig Freiherr von Welden (1780-1853) wurde im September 1848 zum Zivil- und Militärstatthalter in Dalmatien ernannt und im November 1848 in dieser Funktion nach Wien versetzt, um an der Seite von Windischgrätz und Jelacic die Revolution niederzuschlagen. 1849 folgte er Windischgrätz als Feldzeugmeister und wurde Oberkommandierender der Armee des Kaisertums Österreich in Ungarn. Bereits im Mai 1849 wurde er aufgrund der Niederlagen gegen die Ungarn durch Julius von Haynau ersetzt und kehrte auf seinen Posten als Gouverneur von Wien zurück, wo er bis 1851 im Auftrag des Kaisers in Wien ein diktatorisches Regime führte, das Tausende Stadtbewohner in Kasernen internierte und mit Hilfe eines Spitzelsystems für „nachrevolutionäre Ruhe“ sorgte.
20 Kewall, S. 301.
21 Vgl. Kurt Kahl: Johann Nestroy oder der wienerische Shakespeare. Wien et al. 1970.
22 Kahl, S. 271.
23 V, 449; vgl. auch Franz H. Mautner. Nestroy. Heidelberg 1974.
24 Vgl. u. a. Wendelin in Höllenangst: „Der Himmel hat seine Herrengasse.“ Vgl. dazu auch Kahl 1970, S. 263.
25 Vgl. Nestroy in seinen Skizzen zum Auftrittscouplet des Wendelin.
26 Die Presse, 20.11.1849.