< zurück

„Ich bin so viele Dinge gleichzeitig“

Anna Mendelssohn ist ab 12. März in der Produktion „Oceans of Notions (swimming)“ von Anna Nowak im Wiener WUK zu sehen. Daneben ist sie seit 2004 Ensemblemitglied von toxic dreams, spielt derzeit am TAG und schließt nächstes Jahr ihr Studium der systemischen Familientherapie ab. Über ihren langen, erfolgreichen und weder von Beginn an noch heute so klar vorgezeichneten beruflichen Weg erzählt die vielseitige Künstlerin im Gespräch mit tanzschrift.

Angela Heide: Du wurdest als Tochter des Psychoanalytikers Felix des Mendelssohn und der Theaterschaffenden Jutta Schwarz geboren. Haben dich deine Eltern oder auch deine Großmutter, die renommierte Autorin und Journalistin Hilde Spiel, schon während deiner Kindheit in der Wahl deines Berufes beeinflusst?
Interessiert hat mich früh schon der Tanz, und meine Mutter hat mich darin von klein auf unterstützt. Mein Herz schlägt aber für die soziale Arbeit, und so habe ich gleich nach der Matura begonnen, Psychologie zu studieren. Auf einer Reise nach New York, die ich mit 21 Jahren für ein Projekt gemacht habe, lernte ich einen amerikanischen Dichter kennen – und erst damals habe ich eigentlich die Kunst für mich entdeckt. Dabei wurde mir klar, dass das Lehrangebot an der Universität nichts für mich war, und mit 23 Jahren habe ich dann mein Psychologiestudium hingeschmissen und bin nach England gegangen, um dort Schauspiel zu studieren, zuerst in Dartington und danach in Bretton Hall.

Hatte die Entscheidung, in England zu studieren, etwas mit deinen familiären Wurzeln zu tun? Deine Großmutter, Hilde Spiel, war bereits 1936 nach London emigriert, wo sie wie auch ihr erster Mann den Nationalsozialismus überlebten, dein Vater ist dort geboren worden.
Das stimmt. Hilde Spiel konnte den Austrofaschismus in ihrem eigenen Land schon nicht ausstehen und war so auch sicher sehr froh, so früh von hier wegzukommen.
Als ich dann Jahrzehnte später dort war, um mir Schulen anzuschauen, hatte ich das Gefühl, dass England ein Stück Heimat ist, an dem ich, ja, auch so etwas wie Wurzeln habe. Ein Ort, den ich kenne. Dort wohnt ein Teil meiner Familie und enge Freunde meines Vaters.

Hat dich deine Großmutter auch in anderen Dingen geprägt, und war dir schon als Schulkind ihre Wichtigkeit und Prominenz bewusst?
Natürlich war mir von klein auf bewusst, wer sie war, nicht zuletzt, weil ich immer von allen Deutschlehrern auf sie angesprochen wurde. Meine Großmutter war auch alles andere als eine typische „Oma“, und wir durfte sie auch nie so nennen. Sie war die „Hilde“ oder hie und da auch die „Großmama“. Über Antisemitismus hat Hilde Spiel nie mit mir gesprochen, aber ich habe immer schon gewusst, dass der Antisemitismus etwas mit unserer Familie zu tun hat, und meine Eltern sind immer sehr offen damit umgegangen und haben viel darüber gesprochen.

Wie weit wurdest du als Kind durch deine Eltern – dein 2016 verstorbener Vater war jüdischer Abstammung, deine Mutter ist es nicht, mit dem Judentum bekannt gemacht?
Tatsächlich ist mein Vater, überhaupt nicht jüdisch aufgewachsen, da seine Eltern, obwohl beide jüdischer Abstammung waren, in keiner Weise jüdisch gelebt haben. Meine Großmutter stammte aus einer gänzlich assimilierten Familie, war christlich getauft und ging in die Kirche. Sie war wesentlich katholischer, als sie jemals jüdisch war. Ob mein Großvater getauft war, weiß ich gar nicht, aber er war auf keinen Fall praktizierender Jude. Mein Vater war vermutlich wesentlich jüdischer, als es seine Eltern je gewesen waren.
Mein Vater und meine Mutter haben einander in den 1970er-Jahren in München kennen gelernt und dann eine mehrjährige Weltreise unternommen, die sie unter anderem in die Türkei, nach Syrien und nach Israel führte, wo sie knapp zwei Jahre lang lebten und wo auch mein Bruder geboren wurde. In Israel hat mein Vater dann auch das Judentum für sich kennen und schätzen gelernt. Auch als Religion, nicht nur als Lebensweise. Wobei zu betonen ist, dass mein Vater generell sehr an Religionen interessiert war. So haben wir letztlich auch sein Begräbnis nach buddhistischem Ritus ausgerichtet, da er in seinen späten Jahren vor allem zu dieser Religion ein Naheverhältnis hatte. Aber ich würde sagen, das beide Elternteile, was das Thema Religionen betrifft, stark vom Spiritualismus der 1970er-Jahre geprägt waren.

2004 bist du aus England zurückgekehrt – und hast gleich mit der Arbeit im Ensemble von toxic dreams begonnen. Wie kam es dazu?

Die Begegnung mit Yosi Wanunu war tatsächlich der Grund, warum ich zurückgekehrt bin. Ich war kurz vor dem Abschluss und gerade am überlegen, was ich nun tun sollte, hatte ein kleines Engagement in Leeds und wusste nicht, ob ich in England bleiben oder wieder nach Wien gehen sollte. Da kam der Anruf von Kornelia Kilga, die gemeinsam mit Yosi toxic dreams gegründet hat und leitet, ob ich bei einer Produktion einspringen würde, eine Kollegin war krankheitsbedingt ausgefallen – und die Begegnung mit Yosi Wanunu war dann Liebe auf den ersten Blick. Yosi liebt die Ensemblearbeit, und ich habe in diesen Jahren gelernt zu verstehen, warum, denn es entwickelt sich ein derart großes Vertrauen, eine Intimität, die vieles erleichtert. Man erspart sich so viele Missverständnisse.

Neben deiner Arbeit mit toxic dreams hast du vor zehn Jahren mit deiner „Soloklimagipfelkonferenz“ in englischer Sprache Cry Me A River auch eine sehr erfolgreiche Karriere als Soloperformerin begonnen. Gab es dafür einen konkreten Auslöser?
Es war ein sehr komischer Moment in meinem Leben. Ich war privat in einer Krisensituation und habe viel geweint – und zeitgleich habe ich im Radio über das Schmelzen der Gletscher, CO2 und Klimawandel gehört. Ich wollte dazu einfach mehr wissen, mich auskennen, es verstehen – und ich wollte, neben der sehr performativen Arbeit mit toxic dreams, auch einmal einen Monolog machen. Ich wollte wissen, was kann ein Monolog heute sein. Ich habe also eigentlich dieses erste Projekt aus vier Beweggründen gemacht: Ich wollte ein eigenes Projekt machen; ich habe mich formal für den Monolog interessiert; dazu gab es den emotionalen, sehr persönlichen Moment und schließlich das Wissen- und Verstehenwollen des Phänomens Klimawandel.

Du hast, wie für alle deine eigenen Projekte, die Recherchen selbst gemacht, auch den Text selbst geschrieben – holst dir dann aber immer auch eine*n künstlerische*n Partner*in dazu. Meist ist das wiederum Yosi Wanunu, der als Regisseur, hie und da auch als „outside eye“ fungiert. Wie unterscheidet sich euer künstlerisches Verhältnis bei diesen Arbeiten?
Ich bespreche mit Yosi meine Konzepte, erzähle, was ich recherchiere und wo meine Gedanken hingehen. Und gemeinsam überlegen wir dann Umsetzungs- und Inszenierungsformate. Natürlich war es zu Beginn für beide ein neuer Prozess, ein Herausfinden, wie diese andere Art des gemeinsamen künstlerischen Arbeitens aussehen kann, auch, weil es eben meine Ideen und meine Texte sind. In den ersten Projekten hat sich Yosi ganz bewusst sehr zurückgehalten, bei anderen Projekten hat er sich mehr eingebracht, wie etwa bei Amazon ‒ River Deep, und es gab auch ein Projekt, bei dem er von sich aus meinte, dass es gut wäre, einmal mit einem anderen künstlerischen Partner zu arbeiten. Die Art der Zusammenarbeit ist also, auch mit Yosi, bei jedem Projekt sehr unterschiedlich.

Ein weiteres Standbein als Performerin sind deine Kollaborationen mit anderen Künstler*innen, Ensembles und Häusern, die du von Beginn an parallel zu deiner Arbeit mit toxic dreams verfolgst. Wie wichtig sind dir diese Projekte abseits von toxic dreams?
Bis heute hat die Ensemblearbeit mit toxic dreams den größten Stellenwert, doch es tut gut, daneben und neben den eigenen Projekten immer auch in unterschiedlichen neuen Konstellationen das persönliche künstlerische Feld zu erweitern. So habe ich schon früh in Wien mit dem israelischen Regisseur David Maayan zusammengearbeitet, dann mit der internationalen Formation Superamas, und aktuell spiele ich am TAG in der sehr bösen Realsatire Dorian Gray – Die Auferstehung, einer Koproduktion mit dem Ensemble The Practical Mystery, bei der die Avantgardefilmemacherin Mara Mattuschka Regie geführt hat, mit der ich zum ersten Mal zusammengearbeitet habe. Hier gab es, wie auch bei Yosi Wanunu, ein „klassisches“ Skriptum, also einen Text, von dem ausgegangen wird.

Aktuell probst du mit Anna Nowak für die Produktion Oceans of Notions (swimming). Wie kam es zu dieser neuen Kollaboration?
Es ist ein Tanzprojekt, bei dem es ganz zentral um Sprache geht. Anna kannte meine Arbeiten und findet meinen Zugang zu Themen wie Sprache, Politik oder die gegenseitige Beeinflussung des Privatem und Öffentlichem spannend, sodass sie mich, obwohl wir einander bis dahin nicht gut kannten, für dieses Projekt angefragt hat. Im Zentrum steht die Beeinflussung von Metaphern auf den menschlichen Körper. Wie sehen diese Sprachgebilde aus, wenn sie sich in unsere Körper einschreiben, ganz unter dem Motto, „metaphors we live by“ (George Lakoff). Etwa, „Probleme mit sich herumschleppen“ oder „Eine ruhige Kugel schieben“. Das Konzept und die letztgültigen Entscheidungen kommen bei diesem Projekt von Anna Nowak, doch wir improvisieren gemeinsam sehr viel, und jede von uns kann sich einbringen.

Neben all diesen Projekten hast du auch vor mehreren Jahren mit dem Studium der systemischen Familientherapie an der Sigmund Freud Privatuniversität begonnen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Es war eigentlich mein alter, ursprünglicher Weg, zu dem ich zurückgekommen bin. Ein zusätzlicher Grund ist dafür sicher auch, dass ich sehe, wie existenziell schwierig das Leben in der freien Theater- und Performanceszene ist, dass es ein lebenslanger harte Kampf ist, bei dem man* auch oft verliert. Und mir war immer klar, dass ich so um die 40 einen anderen Weg beginnen muss, ein neues Standbein aufbauen muss. Mit Mitte 30 habe ich dann eine Art Krise bekommen, da ich nicht wusste, was ich „danach“ machen soll, und der erste Gedanke war, im Kulturbetrieb zu bleiben, den ich doch am besten kenne, und verstärkt „hinter der Bühne“ zu arbeiten. Aber dann habe ich mich gefragt, ob ich das wirklich will, ob ich damit glücklich sein würde, und die Antwort war: nein.

Sprache ist ein großes Thema in deiner künstlerischen wie auch in deiner therapeutischen Arbeit.
Ich habe im Laufe der Jahre, vor allem in der Arbeit als Schauspielerin mit toxic dreams und ganz stark auch durch meine eigenen Projekte Sprache immer mehr zu lieben begonnen, etwa wenn um politische Themen geht. Ich bin in dieser Hinsicht aber sicher auch von meiner Großmutter sehr geprägt worden – und auch von meinem Vater. Sprache ist mit den Jahren für mich immer wichtiger geworden und spielt auch in der Psychotherapie eine ganz große Rolle: das genaue Hinhören und noch mal genauer Hinhören ‒ wie reden wir, was meinen wir eigentlich damit, was passiert in den Nuancen, wenn man etwas ein wenig anders sagt oder die, den anderen missversteht …

War das auch mit ein Grund, dich für die systemische Familientherapie zu entscheiden?
Ja, diese Art zu denken liegt mir sehr. Sie basiert auf einem (de-)konstruktivistischen Denken, dem ich mich sehr nahe fühle. Und es passt auch sehr gut zu der Kunstrichtung, aus der ich komme. Dieses Denken kenne ich, die Sprache, die verwendet wird, die Perspektive auf die Welt ‒ und auch das Kollaborative. Ich fühle mich hier sehr zuhause.

In einem Interview, das du 2018 aus Anlass deiner damaligen Soloperformance Trriggerrring – the Feminist Voice gegeben hast, hast du von „Überschreiten von Identitäten, Forderungen, Einschränkungen und Definitionen“ gesprochen, und ich muss dabei auch an dich in deiner Vielschichtigkeit und Offenheit als Künstlerin denken. Passt diese Beschreibung für dich?
Ich würde sagen, dass ich die zitierte Formulierung selbst nicht bewusst lebe. Ich habe vielmehr oft das Gefühl, „ich bin so viele Dinge gleichzeitig, ich kenn mich nicht aus.“ Ich habe einige Zeit gedacht, ich muss mit dem Theater aufhören, weil das alles nicht zusammenpasst. Aber dann fühlt sich langsam alles richtig an, wie es ist.
www.annamendelssohn.net


Oceans of Notions (swimming)
Konzept, künstlerische Leitung: Anna Maria Nowak
Entwicklung und Performance: Anna Mendelssohn. Karin Pauer, Anna Maria Nowak
Musik: Stephan Sperlich
Licht: Peter Thalhammer
eine Koproduktion von Archipelago ‒ Verein for performative Künste und WUK performing arts
WUK Projektraum, 12.‒14.3.2020, 19.30 Uhr
WUK, Währinger Straße 59, 1090 Wien
www.wuk.at