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„Angeschlossen und gleichgeschaltet“

Neues Standardwerk zu rechtlichen Situation der österreichischen Kinos während des NS-Diktatur


Zu Beginn der 1980er-Jahre fand der junge Jurist Klaus Christian Vögl in den Räumen der Wiener Wirtschaftskammer einen Stahlschrank, der über Jahrzehnte „übersehen“ worden war. Was sich darin befand kann in der Rückschau als historischer Fund in der österreichischen Kinoforschung bezeichnet werden. Die erhaltenen 200 Akten, wohl sortiert in blauen und orangen Personalakten des NS-Regimes sowie der 1945/46 neu errichteten Fachgruppe, hat Vögl in über 35-jähriger wissenschaftlicher Arbeit akribisch gesichtet, systematisiert und für eine breite Öffentlichkeit zusammengefasst. Die im daraus entstandene Publikation „Angeschlossen und gleichgeschaltet“ liest sich wie ein Krimi – und ist schon heute als Standardwerk der jüngeren österreichischen Kinogeschichte zu bezeichnen. Im Gespräch mit tanzschrift erzählt der auch für andere Fachpublikationen sowie seine zahlreichen Lehrtätigkeiten bekannte Jurist und Historiker über den ungewöhnlichen Beginn seines „Lebenswerkes“ und einige der Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschungstätigkeit.


Angela Heide: Erinnern Sie sich noch an den Beginn Ihrer Arbeit zur österreichischen Kinogeschichte während des NS-Regimes?
Klaus Christian Vögl: Mir wurde 1981 hier in der Handelskammer die Betreuung der Wiener Kinos übertragen. Das war für mich eine große Freude, da ich mich immer schon für Kinos interessiert hatte und dieses Wissen nun auch beruflich einbringen konnte. Die Handelskammer befand sich damals noch am Stubenring, und in einem der Besprechungszimmer ist mir sofort ein riesiger grüner Stahlschrank aufgefallen, der offensichtlich noch aus der Vorkriegszeit stammte und den bis dahin niemand beachtet hatte. Der Schrank hatte wie durch ein Wunder mehrere Übersiedelungen überlebt, zuletzt jene von der Siebensterngasse auf den Stubenring. Die Siebensterngasse war ja auch kinohistorisch ein wichtiger Standort, denn hier befand sich bereits vor dem Krieg die Fachgruppe der Lichtspieltheater und ab 1938 dann auch die österreichische Außenstelle der Reichsfilmkammer.

Was genau haben Sie in dem Schrank gefunden?
Darin befunden haben sich blaue und orange Mappen. Die blauen Mappen umfassten Akten ab 1945, und 1946 wurde dann auch die Fachgruppe der Lichtspieltheater, gemeinsam mit der Handelskammer, wiedererrichtet. In den Akten zur Nachkriegszeit findet man u. a. auch Restitutionsansuchen und Schriftverkehr mit emigrierten Kinobesitzern bzw. -betreibern. Die orangen Mappen enthielten Kinoakten der Reichsfilmkammer, die 1945, wohl aus Versehen, nicht vernichtet worden waren. Und hier hat dann meine Arbeit angesetzt.

Inwieweit sind damit alle Wiener Kinos abgedeckt?
Von den 220 nachgewiesenen Kinos der Zeit fanden sich im Schrank 200 Aktenkonvolute. Diese betreffen nicht nur „arisierte“ Kinos, sondern die gesamte Kinolandschaft. Die fehlenden 20 Akten wurden 1945 von den damaligen Betreibern persönlich abgeholt – und zwar gegen „Sachspenden“. Das heißt, man konnte in die Fachgruppe kommen mit einem Tiegel Schmalz seinen Akt ausheben lassen. Das waren nicht unbedingt „Ariseure“, doch da die Akten die Beurteilung des Betreibers beinhalteten, waren diese für die betroffenen Personen unter Umständen kritisch. Also haben sie sich vermutlich damals gedacht, „sicher ist sicher“, und ihre Akten selbst entsorgt. Zu diesem Zeitpunkt war ja auch die Entnazifizierung noch nicht klar, und niemand wusste, dass es in Österreich sowieso nach einem „Super-soft“-Modell ablaufen würde. Man nannte sie später in der Branche die sog. „Schmalztiegelakte“.

Sie haben nach Ihrem abgeschlossenen Jusstudium und parallel zum beruflichen Werdegang auch Geschichte studiert, um sich mit dem Material noch intensiver beschäftigen zu können. Wie ging es dann weiter?
Ich habe zuerst eine Magisterarbeit zu diesem Thema abgeschlossen, wusste aber bereits zu diesem Zeitpunkt, dass ich auch eine Dissertation darüber anhängen würde. Doch dieses Projekt hat sich leider zerschlagen, und so ist letzten Endes dieses Buch entstanden.

Haben Sie auch andere Archive besucht?
Natürlich. Ich habe alle Archive in Österreich besucht, in denen ähnliche oder Pendantakten zu finden hätten sein können. Doch tatsächlich fanden sich alle Akten, mit Ausnahme von Vorarlberg und Tirol, in diesem Schrank, dessen Inhalt 2016 vom Wiener Stadt- und Landesarchiv übernommen wurde. Und selbst in Deutschland war nichts zu finden. Zu Themen wie den damaligen Rechtsstand oder die Zensur gab es bereits Studien, die ich dann natürlich ebenfalls herangezogen habe.

Wie sehen diese Akten nun aus?
Es handelt sich dabei um reine Personalakten. Darin geht es primär um die Erlangung der Spielberechtigung bei der Reichsfilmkammer, da die bisherigen Konzessionen aller Kinos, egal welcher Herkunft die Besitzerinnen und Besitzer zu diesem Zeitpunkt waren, 1938 als ungültig erklärt wurden. Das Bestreben war ja damals, dass man alle Betriebe durchleuchtet. Der Unterschied zu anderen Gewerben war bei den Kinos, dass sie erhalten bleiben sollten. Während etwa ein jüdischer Bäcker oder Fleischer sein Gewerbe niederlegen, seinen Betrieb schließen musste, sollten im Falle der Kinos alle erhalten bleiben, da sie ein unvergleichliches Propagandamittel waren.

Die Akten enthalten demnach umfassende Unterlagen zu den damaligen Besitzer*innen, Konzessionär*innen und Betreiber*innen?
Genau. Sie finden darin den Weg, wie jemand überhaupt eine Spielberechtigung erhalten hat. Diese Personalienbögen sind ja insofern schon sehr interessant, da jeder Bewerber darin seinen Werdegang beschreiben musste. Und natürlich haben dann viele darauf hingewiesen, was sie bereits alles für den illegalen Nationalsozialismus geleistet hatten. So erwähnt etwa ein Bewerber stolz, dass er eine Bombe im Namen der Nationalsozialisten gelegt habe.

Das Buch befasst sich nicht nur mit den „arisierten“ Kinos, sondern der gesamten Kinolandschaft Wiens?
Genau. Ich habe mich mit allen Akten befasst, wenn auch die „Arisierung“ sicher einen großen Teil des Buches in Anspruch nimmt. De facto hat man ja damals, mit Ausnahme der vom NS-Regime als „jüdisch“ bzw. „jüdisch-stämmig“ ausgewiesenen Personen, einen eher „niedrigen“ Maßstab angewendet. Es wurde festgehalten, dass man jedem die Chance geben wolle, sich zum neuen Regime zu bekennen – selbst Personen, die bei der Vaterländischen Front gewesen waren, mussten nicht unbedingt deshalb ihre Kinos verlieren.

Wie hat dann in den konkreten Fällen die „Arisierung“ von Kinobetrieben ausgesehen? Wem wurden diese Kinos übertragen? Gibt es da eine Systematik?
Zuerst hat die Reichsfilmkammer eine Bestandsaufnahme in Auftrag gegebenen, die raschestmöglich herausfinden sollte, bei welchen Kinos sich „jüdischer Einfluss“ nachweisen ließ. Das konnten ein Besitzer, ein Anteilsinhaber, ein Konzessionär oder auch Pächter und Geschäftsführer sein. Rasch war klar, dass es sich hier um nahezu 50 Prozent der Kinos handelte, und sobald diese Daten vorlagen, wurde in einem zweiten Schritt die „Arisierung“ durchgeführt. Für diese konnten sich dann Personen bewerben, wobei in diesen Fällen die Kriterien sehr streng waren, sodass sich für die knapp 90 nachgewiesenen Kinos um die 500 Bewerber einfanden, die dann für die jeweiligen Kinobetriebe jeweils für nur den Bereich beantragen konnten, der zu vergeben war. Ausgewertet wurde mit einem „Punktesystem“, wobei schon im Vorfeld bekannt wurde, welche Kriterien besonders wichtig waren.

Haben sich die künftigen „Ariseure“ dabei für jeweils ein bestimmtes Kino oder allgemein „beworben“?
Man konnte sich sowohl für eine bestimmtes wie auch ganz allgemein „bewerben“, ja, manche schrieben ganz offen, sie wären gerne „durch ein Kino versorgt“. Die Zuweisungen erfolgten durch eine sog. „Arisierungskommission“, und es gab dann auch Personen, die sich für ein konkretes Kino beworben hatten, aber ein ganz anderes Kino zugewiesen bekamen.
Natürlich waren die gut gehenden und größeren Kinos die begehrtesten. Da gab es richtige Grabenkämpfe, und Personen mit guten Kontakten zu politisch entscheidenden Stellen hatten freilich mehr Chancen, auch wenn es das erwähnte Punktesystem gab, das, um es noch einmal zu betonen, nichts mit Erfahrungen im Film- oder Kinogeschäft zu tun hatten. Interessant ist auch, dass alle Bewerber Österreicher waren.

Das heißt, viele der neuen Kinobetreiber*innen hatte gar keine konkreten Vorstellungen, wie sie den zugewiesenen Betrieb leiten würden?
Es waren tatsächlich nahezu alle völlig branchenfremde Personen, die weder Ahnung noch Interesse daran hatten; doch es war klar, dass wenn man einen Anteil oder sogar ein ganzes Kino zugesprochen bekam, man quasi „ausgesorgt“ hatte. Ein Großteil derer, die einen Antrag für ein Kino schrieben, sahen es ja als „Belohnung“, einen Kinobetrieb zugesprochen zu bekommen. Etliche der Ariseure waren SSler, so auch jene des Haydn Kinos, und so bekamen sie dann vielleicht ein Kino zugesprochen, mussten aber dann doch auch einrücken. Ein Kinobetrieb war insofern kein Schutz davor, in den Krieg eingezogen zu werden.

Wer leitete in diesen Fällen dann das Kino weiter?
Oft gab es ja einen Partner, der entweder bereits im Kino tätig war oder auch neu bestellt worden war. In diesen Fällen kam es nicht selten zu Streitigkeiten, da die Person, die blieb, die Geschäfte stärker an sich zog. In einigen Fällen musste ein Geschäftsführer eingestellt werden, in anderen traten die Ehefrauen in die Geschäfte ein.

Speziell zu den „arisierten“ Kinos liefern Sie in Ihrer Studie auch Statistiken.
In diesen Fällen war es ja interessant, was ganz oder teilweise arisiert wurde, und hier liefere ich in meinem Buch auch Prozentzahlen. Eine andere Statistik widmet sich den Besucher- und Umsatzzahlen, die ich den Akten für die Jahre 1938 bis 1945 entnehmen konnte. Und eine weitere Statistik, die vor allem ab 1943/44 relevante Zahlen bietet, listet die Bombenschäden der Wiener Kinos auf. Diese Zahl ist beachtlich und war auch in der Zeit von großer Relevanz, weil gerade Kinos nach Bombenschäden so rasch wie möglich wieder ihren Spielbetrieb aufnehmen musste, da sie zu den wichtigsten Propagandamitteln zählten. Es gab tatsächlich einen eigenen Architekten, der im Auftrag der Reichsfilmkammer die zerbombten Kinos zuerst inspektierte, um sie dann so schnell wie möglich wieder instandzusetzen.

Gespielt wurde ja ab 1938 relativ oft dasselbe. Wie sah hier die Verteilung des Programms in Wien aus?
Es war absolut wichtig, dass wirklich flächendeckend Programm im Sinne der NS-Ideologie gezeigt wurde, wobei man dazu auch sagen muss, dass Wien damals flächenmäßig wesentlich größer war und auch ländliche Regionen eingemeindet waren, die heute zu Niederösterreich gehören. Man hätte da also Tagesreisen machen müssen, wären nur in wenigen Innenstadtkinos bestimmte Filme gelaufen. Es war also wichtig, das wenige propagandistisch nutzbare Programm möglichst breit anzubieten, und damit waren nicht nur die Wochenschauen gemeint, sondern auch Filme. Nicht gut angekommen sind so auch Ideen von Kinobetreibern, eigene Programmpunkte anzubieten oder nicht kontrollierbare Ansprachen oder Diskussionen abzuhalten.

Hatte bis 1938 wirklich ein derart freier Markt bestanden?
Ja, und dieser war sogar noch wesentlich freier, als es heute der Fall ist, da es sich ja fast durchwegs um Einzelkinos handelte. Es gab vor 1938 mit Ausnahme der KIBA keine „Kinokette“; das heißt, jeder hat geschaut, das spannendste Programm für sein Kino zusammenzustellen. Das später ebenfalls „arisierte“ Haydn Kino in der Mariahilfer Straße war zum Beispiel damals ein wichtiges Premierenkino, dessen Filme vom Besitzer ausgewählt wurden. Wobei zu betonen ist, dass es damals auch wesentlich mehr Filmverleiher als heute gab. Im historischen „Filmviertel“ Neubau gab es zum Beispiel Kaffeehäuser, in denen sich die Filmverleiher und die Kinobesitzer getroffen haben, um bei einer Tasse Kaffee auszuhandeln, wer welchen Film bekommt. Auch die amerikanischen Verleiher waren ja bereits lange vor 1938 in Wien, Warner Brothers, FOX oder – übrigens ein jüdischer Verleih – MGM. Und so wie heute auch wollte man immer die neuesten und besten Filme in seinem Programm wissen. Es gab Premierenkinos, Bezirkspremierenkinos, Nachspielkinos in den Bezirken und mehr. Programmkinos, wie wir sie seit den 1980er-Jahren kennen, gab es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

Gab es für Sie spezielle Entdeckungen oder Kinos, mit denen Sie sich ausführlicher beschäftigt haben?
Es gab tatsächlich ein paar Kinos, mit denen ich mich näher beschäftigt habe. Das waren vor allem Kinos mit langen rechtlichen Geschichten und vielem hin und her, darunter etwa das Haydn Kino im sechsten Bezirk oder das Elite Kino in der Inneren Stadt und insbesondere auch das Kolosseum Kino im neunten Bezirk, das von einem gemeinnützigen Verein geführt, jedoch von der Familie Hellmann gepachtet wurde, die das Kino betrieb. Da es sich hier um eine jüdische Familie handelte, von denen gleich mehrere Mitglieder das Kino mit leiteten, war dies ein größerer und komplexerer Fall. Obwohl die Frau Katholikin war und Herr Hellmann, der als Anwalt in Wien tätig war, sofort nach dem „Anschluss“ die Scheidung durchführte und dann nach Südamerika emigrierte, wollten die neue Machthaber, dass auch Frau Hellmann aus dem Betrieb ausgeschlossen wurde. Diese Forderung war im Grunde auch nach den damals geltenden Bestimmungen ungültig, doch der Vorwurf des „Tarnungsgeschäft“ setzte sich durch, und die Familie verlor das Kino an zwei Ariseure, die dann nach 1945 auch noch die Dreistigkeit hatten, vor dem Zivilgericht mit der zurückgekehrten Familie in einen Rechtsstreit zu treten, bei dem sie behaupteten, dass der „Verkauf“ des Kinos nach damaligen Recht korrekt gewesen war. In diesem Fall hat sich sogar der damalige Obmann der Lichtspieltheater, Adolf Hauer, eingesetzt, sodass es letztendlich zu einem Vergleich zwischen den Parteien kam und die Nachfolger der Ariseure das Kino bis zu dessen Schließung mit betreiben konnten.
Die Konzession selbst hatte nach dem Krieg übrigens die KIBA, die bis in die 1990er-Jahre einen beachtlichen Teil an Wiener Kinokonzessionen innehatte, in ihrer besten Zeit werden das rund 40 Kinos gewesen sein. Die meisten davon hatten jüdische Betreiber gehabt, die sich nach 1945 noch im Ausland befanden und vielfach nichts davon erfahren hatten, dass sie um die Rückstellung ihrer Betriebe ansuchen konnten. Man hat niemanden informiert, man hat niemanden eingeladen ‒ und dann wurde der Auftrag an die KIBA erteilt, sich die freien Konzessionen der nicht restituierten Kinos zu holen. Wobei man dazu sagen muss, dass die KIBA selbst ebenfalls sofort im März 1938 aufgelöst wurde und in die „Ostmärkische Filmtheaterbetriebsgesellschaft“, eine Tochterfirma der deutschen Ufa, aufging. Dadurch war es aber auch 1945 wieder leichter, die Kinos der einstigen KIBA erneut in diese überzuführen – und eben die neuen „frei gewordenen“ Kinos ‒ so hat man das tatsächlich genannt ‒ ebenfalls in den Besitz der KIBA überzuführen. Die Kinobetreiber selbst mussten dann jahrelang Prozente ihrer Einnahmen an die KIBA abführen, die ansonsten mit den meisten Kinos überhaupt nichts mehr zu tun hatte: die so genannte „Konzessionspacht“.

Bis wann hat sich diese Struktur nach dem Krieg erhalten?
Tatsächlich wurde das erst 1991 durch den damaligen Bürgermeister Helmut Zilk beendet, der das neue Wiener Kinogesetz herausbrachte. Von da an war die KIBA binnen vier Jahren weg.

Gibt es genaue Zahlen, wie viele der „arisierten“ Kinos nach 1945 an die ehemaligen Besitzer beziehungsweise die KIBA gingen?
Man kann sagen, dass ungefähr die Hälfte der Kinos an die KIBA oder auch stadtwiennahe Vereine gegangen ist. Aber wirklich zurückgekommen sind nur die Wenigsten, unter denen der Fall der Familie Hellmann sicher der bekannteste ist.

Ein großer Teil der ehemaligen Kinobesitzer jüdischer Herkunft konnten emigrieren. Gab es für diesen hohen Prozentsatz eine Erklärung?
Ich denke, es lag daran, dass die Kinobetreiber der Zeit bereits sehr kosmopolitisch orientiert hatten. Sie hatten sowohl Kontakte nach Deutschland und wussten über die Ereignisse dort, aber natürlich auch direkte internationale Kontakte bis hin in die USA. Einige sind zuerst in die Schweiz emigrierte, zu einem Zeitpunkt, als dies legal noch möglich war, manche bereits 1937 unter der Angabe, einen Urlaub antreten zu wollen. Die anderen sind 1938, die spätesten 1939 geflohen. Ermordet wurden nur wenige – und gerade diese Tatsache wurde ihnen ja nach 1945 dann auch vorgehalten.

Wie haben Sie Ihr Buch strukturiert, um dieses komplexe System so genau aufzuarbeiten?
Der erste Teil enthält einen historischen Rückblick, da man die Situation 1938 ja nicht ohne die Jahre davor betrachten kann. Es gab etwa schon während des Ständestaates Verträge, was jüdische Filmkünstler betraf. Hier galt bereits ein Exportverbot, man konnte sich jedoch noch mit Strohmännern behelfen. Und auch in der Filmwirtschaft gab es natürlich eine „fünfte Kolonne“, um den „Umbruch“ im Detail vorzubereiten. Diese Vorgeschichte erzähle ich im Band ebenso wie dann die Grundzüge der Reichspropaganda oder der Reichsfilmkammer, um verständlich zu machen, von welchen Strukturen wir im konkreten Falle sprechen. Danach geht es um den „Anschluss“ und den sog. „Umbruch“ in der „Ostmark“, und im Kern geht es dann natürlich um die „Arisierungen“. Im letzten Teil gehe ich dann noch im Detail auf die Betriebsführung von Kinos während des NS-Regimes ein – vom Jugendschutz über Arbeitsrecht bis hin zur Materialbeschaffung. All das geht aus den Unterlagen hervor, die ich in dem erhaltenen Schrank vorgefunden habe.

Ein Großteil des im Buch erfassten Materials ist tatsächlich zum ersten Mal in dieser Form von Ihnen aufgearbeitet worden.
Das stimmt, und das ist auch die große Herausforderung gewesen, vor der ich stand.

Haben Sie neue Kinos entdeckt, die Sie bis dahin noch nicht kannten?
Als ich Anfang der 1980er-Jahre mit meinen Recherchen begonnen habe, gab es viele der Kinos nicht mehr, das Kinosterben hatte ja bereits eingesetzt. Und es war für mich besonders reizvoll, auch die Lage und die Ausstattung der einstigen Kinos genau zu studieren und für dieses Buch zusammenzufassen, etwa den großen Gegensatz zwischen den glänzenden Premierenkinos und den ärmlichen Landkinos oder die Fassungsräume der einzelnen Kinos, die doch oft sehr überraschen. Und schließlich findet man auch die Spielfolge, das heißt, ob es sich um ein Premierenkino, einen Bezirkserstaufführer oder eben ein Nachspielhaus handelte. Denn die Nationalsozialisten führten eine in fünf Gruppen gegliederte strenge Spielfolge ein, bei der jedes einzelne Kino in einer dieser Gruppen eingereiht war. Auch darum wurde oft gekämpft, sodass etwa manches Kino darum angesucht hat, vorgereiht zu werden. Damit befasste sich dann etwa eine so genannte „Härtekommission“. Das Haydn Kino wurde zum Beispiel vom Premierenhaus zum Bezirkskino heruntergereiht und statt ihm das Apollo Kino zum Premierenkino für den sechsten Bezirk ernannt.

Das Buch stößt seit seinem Erscheinen auf großes Interesse. Gab es seither neue überraschende Begegnungen?
Was ich nicht erwartet hatte, war, dass mich doch einige Nachfahren ehemaliger Kinobesitzer kontaktiert haben. Eine Dame wollte wissen, ob ein Ariseur eines Kinos ihr Opa war – und sie war unheimlich erleichtert, als sie von mir erfuhr, dass es sich dabei nicht um ihren Großvater handelte. Sie wäre mir fast um den Hals gefallen. Es freut einen, wenn man das Gefühl hat, man hat so viel hineingesteckt und man bekommt doch etwas davon wieder zurück.

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Zur Person
Mag. Dr. Klaus Christian Vögl ist Fachgruppengeschäftsführer der Fachgruppe Freizeit- und Sportbetriebe der Wirtschaftskammer Wien. 1978 begann er seine Tätigkeit in der Wirtschaftskammer Wien, 1981 wurde er Geschäftsführer der Fachgruppe der Lichtspieltheater, deren Leitung er bis 2010 inne hatte. Der Jurist und Historiker ist daneben Lehrbeauftragter an zahlreichen Fachhochschulen und Universitäten, darunter Universität für darstellende Kunst Wien, WU Wien, Donau-Universität Krems sowie FH St. Pölten und Wien. Zu seinen zahlreichen Fachpublikationen zählen u. a. das Praxishandbuch VR (LexisNexis, Wien 2012) und Rechtstipps für Events (WKO, 2011). Angeschlossen und gleichgeschaltet. Kino in Österreich 1938‒1945 ist im Herbst 2018 im Böhlau Verlag erschienen.

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TERMINE

Themenschwerpunkt

2. März bis 3. Juli 2020
"Vom Lichtspieltheater zum Multiplex" - Zur Geschichte des Kinos in Wien
Foyer-Ausstellung Wiener Stadt- und Landesarchiv, Guglgasse 14, 1110 Wien
LINK: https://www.wien.gv.at/kultur/archiv/veranstaltungen/geschichte-wienerkino.html

Eröffnungsvortrag
3. März 2020, 18 Uhr
Angela Heide: Vom Prater-Kinematographen zum Kinopalast. Die Wiener Kinolandschaft von den Anfängen bis zur Nachkriegszeit
Vortragssaal Wiener Stadt- und Landesarchiv, Guglgasse 14, 1110 Wien
LINK: https://www.geschichte-wien.at/veranstaltung/veranstaltung-zum-themenschwerpunkt-vom-lichtspieltheater-zum-multiplex-zur-geschichte-des-kinos-in-wien-im-wien-geschichte-wiki-vom-prater-kinematographen-zum-kinopalast-die-wiener-kinolandsch/

Filmvorführung
2. April 2020, 18.30 Uhr
Paul Rosdy: KINO WIEN FILM (A 2019, 97 Min.)
Breitenseer Lichtspiele, Breitenseer Straße 21, 1140 Wien

Ausstellungsbesuch
30. April 2020, 18 Uhr
Filmarchiv Austria: KINO WIEN FILM
METRO Kinokulturhaus, Johannesgasse 4, 1010 Wien

Vortrag
4. Juni 2020, 18 Uhr
Günter Krenn: „Ein Gebrauchsgegenstand mit künstlerischen Elementen“ ‒ Bemerkungen zur österreichischen Filmproduktion von den Anfängen bis in die Tonfilmzeit
Vortragssaal Wiener Stadt- und Landesarchiv, Guglgasse 14, 1110 Wien